Chile – Wein, Schnitzel und Apfelkuchen (mit Marzipan)

Schon kurz nach dem Abflug von Auckland kam ich mit einer Holländerin ins Gespräch, nachdem ich bemerkte, dass sie für Chile einen Reiseführer studierte. Sie hatte ihre Unterkunft auf Grund von Empfehlungen schon vorgemerkt und ich hielt es für das beste, mich mit ihr zusammenzuschließen, um gemeinsam zur „Casa Roja“ im Zentrum Santiago de Chiles aufzubrechen. Ihre Wahl war außerordentlich gut. Die 200 Jahre alte Villa war eine von einem Australier renovierte Jugendherberge und zeichnete sich nicht nur durch Sauberkeit, eine Pool-Bar und angenehmes Personal aus, sondern ließ einen auch entspanntes Flair genießen. Ich war durch den langen Flug und den Jet-Lag einigermaßen gerädert, sodass ich die ersten zwei Tage eigentlich nur ein paar Spaziergänge durch die Nachbarschaft machte oder im Garten bzw. Pool abhing.

Chile

Für den vierten Tag buchte ich einen Tagesausflug in die Anden und zu den nahe gelegenen Weinregionen. Ich lernte ein Pärchen aus Salzburg kennen, mit denen ich nach kurzer Zeit schon begann den chilenischen Wein zu verkosten. Die gute Unterhaltung führte zu zahlreichen weiteren Bestellung, was darin resultierte, dass ich am nach nur drei Stunden Schlaf wieder aus dem Bett kroch und mich dabei wie ein Zombie fühlte. Seltsam, als ich 18 war, machte mir das noch nichts aus… Mühsam stieg ich in den Bus, der mich pünktlich abholte und betete, dass sich mein Kater schnell legen würde. Diesen Gedanke verwarf ich allerdings, nachdem die nächsten Passagiere in den Bus stiegen und mich das Parfum einer netten Dame dazu brachte, das Fenster zu öffnen. Nach einer dreiviertel Stunde Stadtrundfahrt sollten wir alle in einen kleineren Bus umsteigen. Zu diesem Zeitpunk gab ich w.o. und buchte die Tour unverbindlich für den nächsten Tag um. Vom Stadtrand aus, versuchte ich wieder zurück zum Hostel zu kommen, um die Demütigung und den Kater zu vergessen (ganz nebenbei zockte mich dabei auch noch ein Taxifahrer ab…).

Die anderen Leute in der Casa Roja machten den Aufenthalt hier zum wirklichen Erlebnis und ich genoss es, mich mit anderen Reisenden aus aller Herren Länder über unterschiedliche und gemeinsame Erfahrungen auszutauschen. Mit zwei Schweizer Pärchen kam ich am Freitag Nachmittag an der Pool-Bar ins Gespräch und wir verbrachten den gesamten Abend gemeinsam – inklusive Schweizer Spezialität: Makronen mir Käse (nicht so gut wie Steak, aber auch nicht schlecht). Ich verabschiedete mich gegen ein Uhr nachts und freute mich auf das Bett.

Erdbebenschaeden in Chile„Wie kann jemand auf die dämliche Idee kommen, in einem 8-Bett Schlafsaal einer Jugendherberge um 3:34 Uhr lautstark herumzuschreien???“ Ich sprang aus dem Bett und stellte mich zu dem Kerl, der unter dem Türstock heftig gestikulierte und stellte mir die Frage was ich hier machte und vor allem, warum schreit er: „Earthquake, earthquake!“ Erst jetzt realisierte ich, was der Anlass für das nächtliche Chaos war. Ich hatte Mühe und Not auf den Beinen zu bleiben, ich spürte, dass ich offensichtlich eine nicht unerhebliche Menge Staub und Reste von Verputz in meinen Haaren hatte und bemerkte, wie sich der große Schrank neben mir bedrohlich vorwärts und rückwärts bewegte. Ich zog ein junges Mädchen, das wie paralysiert vor dem Schrank in der Dunkelheit stand zu mir unter den Türstock… Das Schütteln hörte bald darauf auf und die meisten verließen damit den Raum und rannten nach unten in Richtung Garten. Trotz meines noch immer recht verschlafenen Geisteszustand dachte ich mir nur, dass dies unmöglich das erste Erdbeben sein konnte, das dies 200 Jahre alte Villa erlebt hatte und fühlte mich eigentlich sicher. Wahrscheinlich gibt es derartige Erdbeben hier in Chile alle paar Wochen (woher soll denn bitte ein Mitteleuropäer eine Referenz haben, ob ein Erdbeben gerade stark oder schwach ist). Ich wollte nachsehen ob es Schäden gab und verließ den Raum, kehrte zurück, um anzuziehen (es könnten ja jede Menge Glasscherben herumliegen), stellte fest, dass zwei Jungs noch immer tief und fest in ihren Betten schliefen und spazierte anschließen langsam Richtung Treppenaufgang und Garten. Es war ruhig und ich traf keine Person auf meinem Weg nach draußen. Offensichtlich war es keine Besonderheit und die Leute nahmen das Ganze recht gelassen. Das dachte ich zumindest bis ich mich langsam dem Garten näherte und den Krach einer panischen Menschenmenge hörte, die offensichtlich schwerst verängstigt ins Freie flüchtete. Ich traf auch gleich die vier Schweizer, die eigentlich gerade am Weg ins Bett gewesen wären und Zahnbürste und –paste stolz präsentierten. Die Bediensteten des Hostels begannen sofort mit dem Notfallplan, zählten durch und fragten nach Vermissten, teilten Decken aus und zündeten den großen Gemeinschaftsgrill als Wärmespender an. Wie verbrachten die nächsten Stunden im Freien, um eventuelle Nachbeben im Gebäudeinneren zu vermeiden. Die Panik beruhigte sich bei den meisten sehr schnell und wir feierten eine amüsierte Gartenparty.

Als der Strom wieder da war, bekamen wir die ersten Nachrichten zu hören, die von massiver Zerstörung im Süden des Landes berichteten. Der Versuch meiner Familie eine SMS zu schicken scheiterte an einem komplett überlasteten Handynetz (aber es funktionierte noch!). Als der Morgengrauen über der Stadt einbrach, spazierte ich mit ein paar anderen vorsichtigen Leidensgenossen zurück ins Gebäude, um sich einen Überblick über die Schäden zu machen. Der erste Blick war zwar erschrecken, da der Verputz und die liebevoll restaurierten Stuckaturen entweder in tausend Stücken am Boden lagen oder jeden Moment drohten herunter zu krachen. Die zwei Schweizer brachen in Richtung Atacama Wüste auf, auch wenn wir ihnen nur wenige Chancen gaben, dort am heutigen Tag anzukommen. Der Versuch doch noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen scheiterte an einer Reihe von Nachbeben, die zum Teil recht heftig ausfielen.

Am Nachmittag funktionierte dann auch Internet und Telefon wieder, sodass der Großteil der internationalen Gäste damit begann, Informationen über eine etwaige Weiterreise zu sammeln bzw. alle Angehörigen zu Hause zu informieren, dass alles in Ordnung sei. Dank Skype und Facebook lassen sich derartige Meldungen heutzutage ja relativ schnell und leicht verbreiten. Ein Spaziergang durch die Nachbarschaft stellte sich als verhältnismäßig unspektakulär heraus. Ein paar alte Kirchen (die im übrigen schon vor dem Beben durch dicke Holzsäulen abgestützt wurden) stürzten teilweise ein und bei einigen Gebäuden fiel eine beachtliche Menge Außenputz von den Wänden. Bis auf ein Gebäude, das völlig in sich zusammen gekracht war, waren die Schäden – zumindest in diesem Teil der Stadt – überschaubar. Durch das Beben waren die meisten Lebensmittelläden geschlossen, sodass sich an den wenigen Kiosks lange Schlangen bildeten. Wieder zurück im Hostel gesellte ich mich zu der mittlerweile perfekt arbeitsteiligen Clique zurück (einer kümmerte sich um alle Flughafeninformationen, der andere ums Abendessen, der nächste um Busverbindungen usw…). Das gemeinsame Abendessen war entspannt und gespickt von sarkastischen Bemerkungen des gepflegten schwarzen Humors. Die Nacht auf Sonntag verlief ohne weitere Eruptionen – zumindest keine, die ich gespürt hätte.

Am Sonntag begann der Tag wie üblich. Der ganze Trupp traf sich nach mehr oder weniger gutem Schlaf in einem der kleinen Innenhöfe, schlürfte seinen Instant-Kaffee und las die Online-Ausgaben diverser Zeitungen. Heute wäre mein Abreisetag gewesen, doch da die Nachrichten davon berichteten, dass der Flughafen wahrscheinlich für einige Tage, wenn nicht sogar Wochen gesperrt bleiben würde, tat ich mir die Mühe gar nicht an hin zu fahren. Stattdessen vereinbarte ich mit dem verbliebenen Schweizer Pärchen, am nächsten Tag nach einer Busverbindung von Santiago de Chile nach Buenos Aires zu suchen.

Da sich unsere Nahrungsmittelvorräte drastisch verkleinert hatten (außer Essen, Trinken, Rauchen, Internetsurfen und allerlei Blödsinn quatschen kann man in einer Großstadt, in der praktisch Ausnahmezustand herrscht nicht viel machen) und da sich bei manchen auch schon so etwas wie panischer Lagerkoller breit machte, beschloss ich etwas für die Stimmung und gegen den Hunger zu unternehmen und ging auf die Jagd. Das Ziel war der Supermarkt, der tatsächlich wieder geöffnet war (und in dem entgegen den Befürchtungen meiner Mutter keinerlei Spuren von Plünderungen zu sehen waren).

Das Menü bereitete ich geistig schon vor – Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat und gegebenenfalls einem süßen Dessert. Ratlos stand ich also vor der Fleischtheke, probierte mal hier und mal da – nirgends gibt es Kalbfleisch (die Steakrinder müssen doch auch mal jung gewesen sein, dachte ich). Alternative: Schweinsschnitzel. Fehlanzeige – warum sollte man auch Schweinefleisch in einem Land essen, wo es mit das beste Rindfleisch der Welt gibt. Am Ende entschied ich mich für einen Rindsbraten – eine kleine Herausforderung stellte noch die Suche nach Semmelbröseln dar, dafür war das Dessert in Form eines herrlichen Apfelkuchens mit Marzipanstückchen umso einfacher.

Bewundert von einigen amerikanischen Boys und Girls bereiteten wir in der Gemeinschaftsküche das Abendessen vor – Improvisation auf höchstem Niveau, 1. Schnitzelklopfer = Nudelholz, 2. Semmelbrösel waren offensichtlich eine Fertigbackmischung => Mädels mussten noch einmal in den Supermarkt, 3. das Fleisch war herrlich – zumindest als Steak am Grill, nicht jedoch für panierte Schnitzel in heißem Öl => ich musste viel „schlechtes“ Fleisch abschneiden (also die herrlich marmorierten Passagen).

Am Ende war das Mahl gelungen und wir konnten uns an einem kleinen Stück kulinarischer Heimat erfreuen (als Zwischengang nach den Schnitzeln gab es noch den „Abfall“ – wahrscheinlich das zarteste Rindfleisch für eine Ewigkeit, dachte ich, während mir das Herz blutete, dass ich den Rest davon zuvor im Öl gebacken hatte). Nichts desto trotz hätte die Stimmung an diesem Abend nicht besser und zugleich obskurer sein können…

Am nächsten Morgen gingen wir sofort zum Busterminal waren erfolgreich und ergatterten heiß begehrte Tickets für den Bus nach Buenos Aires – den Weg zurück bewältigten wir mit der U-Bahn (ja – die ist tatsächlich 36 Stunden nach dem Erdbeben wieder voll funktionstauglich gewesen).

Die rund 24 Stunden dauernde Fahrt quer über den Kontinent begann am nächsten Morgen um 10 Uhr.

Hier geht´s zur Übersicht über die Reiseberichte von Lukas‘ Weltreise